Die Möhne verbindet die Gemeinden Niederbergheim, Allagen, Mülheim/ Sichtigvor, Waldhausen und Belecke (von links nach rechts)
"Viele Menschen guten Willens geben dem Glauben ein Gesicht"
Oster-Interview mit Erzbischof Hans-Josef Becker

Im Oster-Interview nimmt Erzbischof Hans-Josef Becker Stellung zu Themen, die ihn und die Menschen im Erzbistum Paderborn bewegen.
Foto: pdp


pdp - Pressedienst Paderborn

Herr Erzbischof, Anfang des Jahres haben Sie sich in einen Brief an die Katholikinnen und Katholiken im Erzbistum Paderborn gewandt. Darin haben Sie Stellung zur Missbrauchsstudie bezogen. Wie waren die Reaktionen?
Erzbischof Becker: Das Echo auf meinen Brief war groß, darüber habe ich mich wirklich gefreut. Die Menschen wollten ins Gespräch kommen. Seit Januar kamen über 600 Briefe, Mails und Anrufe mit ebenso positiven wie kritischen Stimmen bei mir an. Das hat mir gezeigt: Es war richtig, persönlich auf die Gläubigen zuzugehen. Man möge mir nachsehen, dass ich nicht jede Zeile auch selber beantworten konnte. Enge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben mich unterstützt, auf jede Rückmeldung möglichst zeitnah zu antworten und sie auszuwerten, damit das Feedback in unser zukünftiges Handeln einfließen kann.

Welche Themen liegen den Menschen denn besonders auf dem Herzen?
Erzbischof Becker: Bei ganz vielen Menschen war eine Sorge um die Zukunft der Kirche zu spüren. Mir ist bewusst, dass es große Themen gibt, bei denen Viele sich schnellere Fortschritte wünschen: die Rolle der Frau, der Zölibat oder der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen zum Beispiel. Mit diesen Themen befassen wir uns bereits intensiv. Auf der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen wurde beschlossen, Themen wie die kirchliche Sexualmoral, die priesterliche Lebensform und den Umgang mit Macht in der Kirche auf die gemeinsame Agenda zu nehmen und weiterzuentwickeln.

Mir ist das gemeinsame, ebenso geschlossene wie entschlossene Vorgehen bei diesen Themen wichtig. Ich spüre die Erwartung Vieler, dass der innerkirchliche Wandlungsprozess noch schneller und öffentlicher vorangehen soll. Doch dieser Wandel muss mit großer Sorgfalt und auch theologisch fundiert geleitet und begleitet werden. Das braucht Konsens – und damit Zeit. Und nicht zuletzt ist so ein Vorgang immer auch ein geistlicher Prozess! Wir sprechen von nichts weniger als von unserem Glauben, von seinen Wurzeln und oft auch über Traditionen, die über Jahrhunderte gewachsenen sind!

Von wem haben Sie Rückmeldungen auf Ihren Brief erhalten?
Erzbischof Becker: Der Großteil der Rückmeldungen kam von Frauen und Männern, die sich bereits langjährig in der Kirche engagieren. Vielfach wurde in ihren Reaktionen deutlich, wie tief bei vielen dieser Engagierten in der Kirchengemeinde vor Ort die Enttäuschung sitzt, wenn es beispielsweise über Jahre an Wertschätzung gemangelt hat. Viele Frauen haben leider auch den Adressierungsfehler meines Briefes in diese Richtung interpretiert. Dafür habe ich mich entschuldigt. Es ist mir wichtig, eines deutlich klarzustellen: In meinen Augen kann man ehrenamtliches Engagement, von Frauen wie von Männern, gar nicht hoch genug wertschätzen! Wir müssen aufpassen, dass die Polarisierungen innerhalb unserer Kirche nicht weiter zunehmen und eskalieren.

Kommen wir zum Thema Missbrauch. Wie waren hier die Reaktionen?
Erzbischof Becker: Ich wollte mich mit meinem Brief zum Thema Missbrauch positionieren. Viele haben diese Intention positiv aufgenommen. Ich habe aber auch oft gelesen, dass mein Brief nicht weit genug geht. Völlig zu Recht sind die Menschen über die Missbrauchsverbrechen in der Kirche nicht nur erschüttert, sondern wütend. Mir ist bewusst, dass es auf viele Menschen so wirkt, als würde es in der Aufklärung viel zu langsam vorwärts gehen. Und doch ist bereits viel auf den Weg gebracht worden. Vor allem in der Prävention – also in der Vorbeugung und Verhütung von Missbrauch – ist das Erzbistum Paderborn ganz konkrete Schritte gegangen und leistet seit vielen Jahren überzeugende Arbeit. Zudem wurde der Bereich Intervention als Anlaufstelle für bislang nicht bekannte Verdachtsfälle geschaffen. Mit der Interventionsbeauftragten und zwei externen Missbrauchsbeauftragten wurden wichtige und neutrale Ansprechpersonen für Betroffene etabliert, bei denen diese Unterstützung finden – und vor allem ein offenes Ohr.

Wie sehen diese Maßnahmen und Anlaufstellen konkret aus?
Erzbischof Becker: Seit 2011 haben wir eine Präventionsordnung. In unserer Präventionsstelle arbeiten unser Präventionsbeauftragter und zwei Mitarbeiterinnen. Seit 2013 haben rund 35.000 Personen in den Gemeinden, Diensten und Einrichtungen im Erzbistum Paderborn Informationsveranstaltungen oder Präventionsschulungen besucht. Jeder katholische Rechtsträger erarbeitet ein eigenes Schutzkonzept. Einen Missbrauchsbeauftragten gibt es bei uns bereits seit 2002. Diese wichtige Anlaufstelle haben wir nach der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie nochmals verstärkt: Seit Anfang des Jahres sind zwei unabhängige externe Ansprechpartner, eine Frau und ein Mann, für die Betroffenen da, un-terstützt durch die bereits genannte Interventionsbeauftragte. Was die Ebene der Kirche in Deutschland betrifft, wird das Erzbistum Paderborn den synodalen Weg mitgehen, den die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Frühjahrsvollversammlung in Lingen zur Aufarbeitung der Missbrauchsverbrechen beschlossen hat.

Wie ist Ihre Prognose für die weitere Aufklärung?
Erzbischof Becker: Ich gehe davon aus, dass uns voraussichtlich auch in den nächsten Monaten und Jahren noch Beschuldigungen bekannt werden. Wir möchten mögliche Betroffene auch weiterhin ermutigen, sich bei uns zu melden, denn nur so können wir mit ihnen ins Gespräch kommen und ihnen zur Seite stehen. Gleichzeitig ist dieses nur schrittweise Bekanntwerden natürlich fatal, auch weil jeder neu bekannt werdende Fall die Gläubigen immer wieder aufs Neue verunsichert. Jeder Fall rückt gefühlt als tagesaktuelles Geschehen in das Bewusstsein, selbst wenn er vielleicht ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Von Beschuldigungen hören auch wir meist erst dann, wenn Betroffene sich melden und zum Gespräch bereit sind – das kann oft erst nach vielen Jahren der Fall sein. Dann sind mögliche Taten oft schon verjährt, Beschuldigte bereits verstorben und auch in den Akten findet sich dann kein Anhaltspunkt. Der Großteil der uns bekannten Taten hat sich in den 60er und 70er Jahren ereignet. All das macht die Aufklärung nicht leichter.

Sobald wir von Beschuldigungen erfahren, suchen wir das Gespräch – sofern uns die Betroffenen den Kontakt gestatten. Wir prüfen die Fälle, sprechen – sofern sie noch leben – mit den Beschuldigten und stehen im direkten Austausch mit der Staatsanwaltschaft. Es ist uns sehr wichtig, die richtigen und konsequenten Schritte in der Aufklärung zu gehen. Aber auch dieser Punkt ist uns wichtig: Hinweise müssen konkret sein. Gerüchte oder unkonkrete Vermutungen durch Dritte können nicht die Handlungsgrundlage einer wirkungsvollen Aufklärungsarbeit sein.

Welche Erwartungen knüpfen Sie an den synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz?
Erzbischof Becker: Die Erwartung, dass nach langen Jahren des Schweigens ein deutlicher Rede- und Handlungsbedarf besteht, kann ich gut verstehen. Aber in meinen Augen muss Nachhaltigkeit vor purem Aktionismus stehen. Man kann eine Akte nicht einfach aufschlagen und sieht auf einen Blick alles klar. Oberste Priorität muss sein, den Opfern Gehör zu schenken. Oft gerät mir aber zu sehr in den Hintergrund, dass wir auch nicht leichtfertig oder vorschnell mit Beschuldigungen umgehen dürfen. Auch diese können Existenzen vernichten, auch dann, wenn sie sich am Ende als haltlos erweisen sollten. So lange nicht durch ein Gericht die Schuld festgestellt worden ist, gilt die Unschuldsvermutung. Wir haben hier eine wirklich große und komplexe Verantwortung, die viel Fingerspitzengefühl erfordert. Vertuschung darf es nie wieder geben, Opfer- statt Täterschutz muss die Devise sein. Aber auch ein Generalverdacht ist falsch, wir dürfen nicht fahrlässig vorverurteilen. Das wäre im Übrigen auch nicht christlich.

Wie stehen Sie denn zum Thema Macht in der Kirche?
Erzbischof Becker: Ich wollte ursprünglich Lehrer werden, bin dann aber Pries-ter geworden und war sehr glücklich als Seelsorger. Jetzt bin ich Erzbischof. Um Macht ging es mir persönlich nie. Ich glaube, es greift zu kurz, Missbrauch in der Kirche ausschließlich über Machtstrukturen zu erklären. Aber die fast unanfechtbare Rolle, die der Geistliche in einer Gemeinde früher hatte, ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Zurecht fordert daher Papst Franziskus, dass man dem Klerikalismus entgegenwirken muss. An dieser Stelle kann ich Ihnen versichern: Auch ich koche, bildlich gesprochen, wie jeder andere Priester, nur mit Wasser.

Die Vatikan-Konferenz zum Missbrauch hat viele Menschen enttäuscht. Sie wurden kritisiert, dass Sie sich dazu nicht tagesaktuell äußern wollten. Was sagen Sie Ihren Kritikern?
Erzbischof Becker: Ich äußere mich nicht gerne zu Veranstaltungen, an denen ich nicht teilgenommen habe. Deshalb spreche ich lieber erst mit denen, die dabei waren, und bilde mir dann ein Urteil. Nehmen Sie beispielsweise die Abschlussrede von Papst Franziskus, für die ihm vielfach eine Bagatellisierung von Missbrauch in der Kirche vorgeworfen wurde. Schaut man nur auf den Redebeginn, kann man diesen Eindruck vielleicht noch nachvollziehen. Aber im weiteren Verlauf der Rede klagt Papst Franziskus mit deutlichen Worten die Missbrauchsverbrechen in der Kirche an und betont, wie entschieden er dagegen vorgehen will. Das zeigt mir sehr anschaulich: Es ist immer gut, sich nicht nur auf ausschnitt-hafte Eindrücke und Schlagzeilen zu verlassen, denn dann entsteht leicht ein verzerrtes Bild.

Generell möchte ich sagen: Je mehr Erwartungen im Vorfeld herrschen, desto mehr Erwartungen werden am Ende oft enttäuscht. Auf Gläubige in Deutschland, wo wir in Sachen Aufklärung zumindest seit 2010 schon auf einem guten Weg sind, mag die Konferenz enttäuschend wirken. Aber das Thema „Missbrauch“ ist jetzt weltweit auf der Agenda – und damit auch in Ländern, die vielleicht bisher noch nicht so weit waren und wo zudem oft ganz andere gesellschaftliche Hinter-gründe herrschen.

Nochmal gefragt: Sind Sie als Hirte sichtbar genug?
Erzbischof Becker: Ich bin Sauerländer und als solcher verkörpere ich Bodenständigkeit. Ein Hirte muss natürlich erkennbar sein, sonst wäre er ein schlechter Hirte, der keine Orientierung gibt. Aber vor allem muss er in meinen Augen Verlässlichkeit garantieren. Dazu gehört für mich auch, dass man nicht immer direkt den Mund aufmacht, sondern auch einmal einen Schritt zurück tritt, um auf etwas zu schauen und es dann zu bewerten – auch öffentlich. Denn es kann schnell passieren, dass man gerade im Eifer des Gefechts unter einen Rechtfertigungsdruck gerät, der gar nicht in jeder Situation Not tut. Da nehme ich mir auch das Recht heraus, mich nicht treiben zu lassen. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mein Wort gebe und dazu stehe, wenn es nötig ist – auch das ist für mich Verlässlichkeit.

Vor fünf Jahren haben Sie das Zukunftsbild für das Erzbistum Paderborn in Kraft gesetzt. Die Diskussion um den Missbrauchsskandal hat diesen Entwicklungsprozess überschattet. Wie wollen Sie die Vision des Zukunftsbildes neu beleben?
Erzbischof Becker: Ich glaube, eine echte Neubelebung braucht es eigentlich gar nicht, denn der Prozess des Zukunftsbildes ist mit jeder Menge Dynamik weitergegangen. Aber ich denke, wir sollten die Sichtbarkeit der bisherigen Ergebnisse erhöhen. An vielen Orten gibt es mutige Ideen, Projekte und Initiativen – unser Glaubensleben ist in guter Bewegung! Wir hatten im letzten Jahr zwei in meinen Augen sehr wichtige Veranstaltungen: die erste Frauenkonferenz im Erzbistum und eine Gründerwerkstatt. Wir haben ein Beschwerde- und Konfliktmanagement installiert und es gibt das erfolgreiche Projekt der Verwaltungsleiter, die die Seelsorger vor Ort entlasten. Und was mich besonders freut: Der Anteil von Frauen in Führungspositionen, Entscheidungs- und Beratungsgremien ist deutlich angestiegen. Und zwar nicht aufgrund einer Quote, sondern dadurch, dass sie sich mit ihrer Kompetenz in wichtigen Funktionen eingebracht und durchgesetzt haben. All das sind Dinge, die zeigen: Die Umsetzung des Zukunftsbildes läuft. Wir sind auf einem guten Weg. Das fünfjährige Jubiläum, das unser Zukunftsbild im Herbst feiert, ist ein guter Anlass, diesen Weg weiter zu überprüfen. Ein nächster Meilenstein ist unser Diözesanes Forum im nächsten Jahr.

Das erste Quartal dieses Jahres war herausfordernd. Können Sie trotzdem mit Hoffnung auf die kommenden Ostertage blicken?
Erzbischof Becker (lacht): Hätte ich insbesondere im Hinblick auf Ostern keine tragende Zuversicht, wäre ich wohl kein Christ … Aber im Ernst: Der Vertrauensverlust, den die katholische Kirche derzeit erlebt, ist dramatisch und kann uns nicht einfach kalt lassen. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass die Verantwortlichen in der katholischen Kirche die Zeichen der Zeit zunehmend wahrgenommen haben und ehrlich bemüht sind, entsprechend zu handeln. Meine größte Hoffnung ist dabei, dass es in der Kirche trotz aller Unkenrufe noch immer viele Menschen guten Willens gibt, die sich engagieren, die dem Glauben ihr Gesicht geben und damit zeigen: Es lohnt sich, in der Gemeinschaft der Kirche zu glauben. Wir wollen Zeichen sein für die Liebe Gottes zu den Menschen!

Herr Erzbischof, wir danken Ihnen für das Gespräch!

pdp - Pressedienst Paderborn


 
Interview zum Download


Zurück zur Übersicht der Artikel

Rufbereitschaft der Priester
mehr...

Impuls der Woche
Europa-Wahl 2019
mehr...

Evangelium für den Tag

Maiandachten im Möhnetal

mehr...

„…damit die Liebe bleibt!“

Angebote zur Ehevorbereitung
mehr...

"Effata - Öffne dich!"
Steuerungsgruppe hat seine Arbeit aufgenommen

Steuerungsgruppe plant und bereitet die Schritte vor, die die Gemeinden bzw. Gemeinde-mitglieder im Pastoralen Prozess durchlaufen.
mehr...

Jahresrückblicke 2018
Rückblicke der Gemeinden

„Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jesaja 9,1).
mehr...

Linktipps!
Links zu verschiedenen Interpräsenzen
mehr...

Öffnungszeiten der Kleiderkammer
in Belecke

jeden 1. und 3. Dienstag sowie am 1. Donnerstag eines Monats geöffnet.
mehr...

Hospizkreis Warstein
Rufbereitschaft: 0170.9440319
mehr...

Das ZUKUNFTSBILD unseres Erzbistums
Berufung. Aufbruch. Zukunft.

mehr...

Treffpunkt Ehrenamt

mehr...

Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung

mehr...

"Einen neuen Aufbruch wagen"
Pastoralkonzept für den Pastoralverbund Möhnetal

mehr...

Unser Erzbistum

mehr...

Unser Dekanat

mehr...

Faire Gemeinde St. Pankratius Belecke
Informationen rund um das Gemeindeprojekt

mehr...

YOUPAX - Glaube.Liebe.Hoffnung.
Das junge Glaubensportal im Erzbistum Paderborn

mehr...